SEM Academyby IKAR Solutions
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SEM before SEMTeil 1

Die Nachdruckzeit stimmte. Das Teil brauchte trotzdem Material.

Ein Deckel aus einem Zweifachwerkzeug mit Einfallstellen, ein Siegelpunkt bei zwei Sekunden und ein zweiter Mechanismus am Anschnitt. Zwei Eingriffe, jeder am eigenen Mechanismus verifiziert.

Ingo Konrad DentzIKAR Solutions OÜ · SEM AcademyOktober 2026Anonymisierter Fall unter NDA

PDF-Fassung (A4)

In einem unse­rer frü­he­ren Pro­jekte hatte ein Deckel aus einem Zwei­fach­werk­zeug Ein­fall­stel­len auf der Sichtseite. Die Nach­druck­zeit war über eine Sie­gel­punk­ter­mitt­lung fest­ge­legt wor­den: Das Tei­le­ge­wicht stieg nicht mehr, sobald der Nach­druck län­ger als zwei Sekun­den anstand, und die­ser Wert stand im Ein­stell­blatt.

Die Mes­sung war rich­tig. Offen war, warum der Nach­druck endete, wäh­rend das Teil noch Mate­rial brauchte.

Die ursprüng­li­che Simu­la­tion hatte eine län­gere wirk­same Nach­druck­zeit vor­her­ge­sagt, sie rech­nete aber mit einer ande­ren Geo­me­trie am Anschnitt. Im Werk­zeug saß der Anschnitt auf einer Kalotte, einer Hilfs­geo­me­trie auf der Kern­seite, und die Wand direkt am Anschnitt war damit am dünns­ten. Die­ser Quer­schnitt fror früh ein und schloss den Weg für den Nach­druck. Danach konnte auch eine län­gere Nach­druck­zeit kein Mate­rial mehr ins Teil brin­gen.

Schnitt eines Bananenangusses, der auf einer Kalotte ins Teil mündet, Maße t und t1
Abb. 1 Anschnitt, schematisch: Der Bananenanguss, ein gebogener Tunnelanguss, mündet auf einer Kalotte ins Teil. Über der Kalotte ist die Wand von der Nennwanddicke t auf die Restwanddicke t1 reduziert.
Simulationsansicht des Anschnittbereichs, ohne Werte
Abb. 2 Simulation des Teils wie gebaut, Blick auf den Anschnitt: Die Zone um den Anschnitt (dunkelblau) ist bereits eingefroren, während die umgebende Fläche noch schmelzflüssig ist.

Anonymisiert; Simulation ohne Werte gezeigt.

Die Kalotte saß auf einem Ein­satz, im Nega­tiv­fall wäre ein neuer ent­stan­den. Wir haben sie also rever­si­bel weg­ge­fräst, die Sie­gel­punk­ter­mitt­lung wie­der­holt und die Nach­druck­zeit auf die geän­derte Geo­me­trie ein­ge­stellt. Die län­gere Nach­druck­zeit kam jetzt im Teil an, und die Ein­fall­stel­len auf der Flä­che ver­schwan­den.

Eine Stelle blieb: eine flache Delle direkt am Anschnitt.

Sie war von Anfang an da. Unter meh­re­ren Ein­fall­stel­len sah sie aus wie eine von ihnen, und der Sei­fen­was­ser­film, mit dem geprüft wurde, glät­tete sie optisch; ein Strei­fen­licht­pro­jek­tor zeigte sie deut­lich. Ihr Ort hob sie ab. Das Teil wird über einen Bana­nen­an­guss gefüllt, einen gebo­ge­nen Tun­ne­lan­guss, der beim Ent­for­men abreißt. Er war nach Zeich­nung gebaut, die Zeich­nung folgte aber nicht den Aus­le­gungs­re­geln für diese Anguss­art, und der Anguss hielt das Teil mit hoher Aus­zugs­kraft fest. Beim Abrei­ßen zog er die Unter­seite ein, und dar­über sank die Sichtseite ein.

Wir haben ihn durch einen fer­ti­gen Anguss­ein­satz eines Nor­ma­li­en­her­stel­lers ersetzt, mit 1,8 mm begon­nen und wäh­rend der Bemus­te­rung schritt­weise auf 2,4 mm geöff­net, damit die Sie­gel­zeit zum Teil passt und die Aus­zugs­kraft gering bleibt. Die Delle war weg.

Befunde und Mechanismen

Nachträglich in SEM-Begriffen eingeordnet. Das Projekt lief, bevor SEM einen Namen hatte; dies ist kein historischer Software-Datensatz.

M1 · Nachdruckweg am Anschnitt geschlossenM2 · Zug beim Abreißen des Angusses
SymptomEinfallstellen auf der Sichtseite.Flache Delle direkt am Anschnitt, erkennbar, sobald M1 behoben war.
BefundeGewichtsplateau ab 2 s in der Siegelpunktermittlung; die Simulation der gezeichneten Geometrie sagte einen längeren Nachdruck voraus; im Werkzeug sitzt der Anschnitt auf einer Kalotte an der dünnsten Stelle.Ort am Anschnitt unter Streifenlicht; Anguss nicht nach den Regeln für Bananenangüsse ausgelegt; hohe Auszugskraft beim Entformen.
EingriffKalotte weggefräst (Einsatz, reversibel). Optimallösung: beseitigt den Mechanismus.Fertiger Angusseinsatz, von 1,8 auf 2,4 mm geöffnet. Optimallösung: beseitigt den Mechanismus.

Zwei Mechanismen in einem Arbeitsraum

Ich nehme die­sen älte­ren Fall, weil er die Arbeits­lo­gik hin­ter SEM zeigt, der Stra­te­gic Engi­nee­ring Matrix. Die Methode ist aus Pro­jek­ten wie die­sem ent­stan­den; der Fall ist ihr nach­träg­lich zuge­ord­net.

In einer lau­fen­den Unter­su­chung kön­nen meh­rere Mecha­nis­men das­selbe Sym­ptom tra­gen, und Arbei­ten an Werk­zeug, Werk­stoff und Pro­zess lau­fen oft par­al­lel. Die Matrix hält die Mecha­nis­men und die ihnen zuge­ord­ne­ten Befunde in einem Arbeits­raum: was einen Mecha­nis­mus stützt, was gegen ihn spricht und was noch zu prü­fen ist. Jeder neue Befund ver­än­dert die­sen Stand. Im Fall des Deckels war die Unter­su­chung mit dem Nach­druck­weg nicht abge­schlos­sen; erst danach wurde der zweite Mecha­nis­mus sicht­bar. Meh­rere Mecha­nis­men par­al­lel zu bea­r­bei­ten heißt nicht, meh­rere Pro­zess­grö­ßen ohne Plan gleich­zei­tig zu ver­stel­len. Jeder Ver­such braucht doku­men­tierte Bedin­gun­gen und eine Frage, die er beant­wor­ten kann.

Wel­cher Ein­griff gewählt wird, hängt von der Lage im Werk ab. Eine Werk­zeug­kor­rek­tur kann tech­nisch rich­tig sein und trotz­dem län­ger dau­ern, als die nächste Lie­fe­rung erlaubt.

SEM unter­schei­det drei Typen. Ein Über­g­ang sichert die Lie­fe­rung, solange der Mecha­nis­mus noch offen ist; er braucht klare Gren­zen und Über­wa­chung. Robust­heit erwei­tert das Pro­zess­fens­ter, sobald der Mecha­nis­mus bekannt ist, inner­halb eines tat­säch­lich geprüf­ten Betriebs­be­reichs. Eine Opti­mal­lö­sung besei­tigt den Mecha­nis­mus. Das sind keine Stu­fen, die der Reihe nach abzu­a­r­bei­ten sind. Jede Option wird nach Rever­si­bi­li­tät, Umsetz­bar­keit, Risiko und Wir­kung auf den Mecha­nis­mus bewer­tet, und der Kon­text ent­schei­det: Zeit bis zur nächs­ten Lie­fe­rung, Bud­get und wer die Ände­rung frei­ge­ben kann. Im Fall des Deckels besei­tig­ten beide Kor­rek­tu­ren ihren Mecha­nis­mus, und die Zeit bis zur nächs­ten Lie­fe­rung ließ es zu; ein Über­g­ang war nicht nötig.

Jeder Ein­griff wurde an sei­nem eige­nen Mecha­nis­mus geprüft. Nach dem Weg­frä­sen der Kalotte musste die wie­der­holte Sie­gel­punk­ter­mitt­lung zei­gen, dass der Nach­druck jetzt län­ger wirkte. Beim Anguss­ein­satz musste die Delle unter ver­gleich­ba­ren Pro­zess­be­din­gun­gen rea­gie­ren, mit direkt beob­ach­te­ter Ent­for­mung. Ein Teil, das bes­ser aus­sieht, ist eine wich­tige Beob­ach­tung; die Prü­fung muss zei­gen, dass die Reak­tion zur phy­si­ka­li­schen Erklä­rung passt.

Verifikation am Mechanismus

M1 · Nachdruckweg am Anschnitt geschlossenVerifiziert

Erwartet
Ohne Kalotte siegelt der Anschnitt später, und eine längere Nachdruckzeit bringt Material ins Teil.
Geprüft
Siegelpunktermittlung an der geänderten Geometrie wiederholt; Nachdruckzeit auf das neue Ergebnis eingestellt.
Ergebnis
Längere Nachdruckzeit wirkt; Einfallstellen auf der Fläche weg.

M2 · Zug beim Abreißen des AngussesVerifiziert

Erwartet
Mit geringerer Auszugskraft verschwindet die Delle.
Geprüft
Vergleichsläufe unter vergleichbaren Prozessbedingungen; Entformung beobachtet.
Ergebnis
Delle weg.

Was Projektleitung und Qualität brauchen

Hier wird die tech­ni­sche Arbeit für Pro­jekt­lei­tung und Qua­li­tät nutz­bar. Sie müs­sen dem Kun­den die Lage erklä­ren, den nächs­ten Schritt begrün­den und sagen, was gesi­chert ist. Die tech­ni­sche Doku­men­ta­tion lie­fert ihnen das unmit­tel­bar: den beob­ach­te­ten Feh­ler, die Mecha­nis­men und die Befunde, die sie stüt­zen, den gewähl­ten Ein­griff, seine Veri­fi­ka­tion sowie die offe­nen Punkte und Gren­zen. In der SEM Aca­demy heißt diese Ent­schei­dungs­un­ter­lage Deci­sion Pack; SEM Desktop erzeugt sie als Abschluss­be­richt oder als Zusam­men­fas­sung auf einer Seite. Wie sie im Kun­den­ge­spräch ein­ge­setzt wird, zeigt ein spä­te­rer Teil die­ser Reihe.

SEM ist aus der Erfah­rung von mehr als 200 kom­ple­xen Indus­trie­pro­jek­ten ent­stan­den. SEM Desktop führt die Matrix und ver­knüpft Befunde, Ein­griffe und Veri­fi­ka­tion; in der SEM Aca­demy ler­nen Inge­ni­eure, diese Arbeit zu machen. Ein ande­rer Inge­ni­eur soll den Fall über­neh­men, die Ent­schei­dun­gen nach­voll­zie­hen und mit der­sel­ben Doku­men­ta­tion wei­ter­a­r­bei­ten kön­nen.

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